Eine neue Generation von Bäuerinnen und Bauern: Die Schweiz reformiert die landwirtschaftliche Ausbildung
Ab 2026 werden Lernende in der Landwirtschaft eine grundlegend überarbeitete Ausbildung absolvieren. Sie wird flexibl...
Der Fachkräftemangel bleibt eine der grössten Herausforderungen für die Schweizer Wirtschaft – und trifft die Land- und Ernährungswirtschaft besonders hart. An der Fachkonferenz «Brennpunkt Nahrung» in Luzern wurde deutlich, dass die Branche zwar kreative Lösungen entwickelt, der Druck aber weiter zunimmt: Die Schweiz steht vor einer massiven Arbeitskräftelücke.
«Die Arbeit geht uns nicht aus – aber die Arbeitskräfte», brachte Patrick Chuard-Keller, Chefökonom beim Schweizerischen Arbeitgeberverband, die Ausgangslage auf den Punkt. In den kommenden zehn Jahren drohe der Schweiz gemäss Berechnungen ein Mangel von rund 450’000 Arbeitskräften. Der Grund ist einfach, aber folgenschwer: Es treten deutlich mehr Menschen in den Ruhestand, als junge Erwerbstätige nachrücken.
Zwar habe die Zuwanderung in den letzten Jahren geholfen, die Lücke zu füllen, doch auch hier flacht die Dynamik ab. «Andere Länder kämpfen mit denselben demografischen Problemen – wir können uns daher nicht darauf verlassen, dass uns der internationale Arbeitsmarkt rettet», so Patrick Chuard-Keller. Die Folge: Weniger Wirtschaftswachstum, mehr Verteilungskonflikte – und ein verschärfter Wettbewerb um Talente.
Gerade die Ernährungswirtschaft spürt die Engpässe schon heute. Produktionsbetriebe wie die Migros-Industrie müssen jedes Jahr über 1’500 neue Mitarbeitende finden – von Bäckerinnen über Milchtechnologen bis zu Logistikerinnen und Elektrikern. «Wir stehen im Wettbewerb nicht mit Coop, sondern mit anderen Branchen», erklärte Migros-Industrie-Chef Matthias Wunderlin.
Die Migros setzt deshalb vermehrt auf Social-Media-Rekrutierung, vereinfachte Online-Bewerbungen und lokale Bewerbungstage, um auch Menschen mit Migrationshintergrund zu erreichen. Gleichzeitig werden Ungelernte mit Anlehren und Upskilling-Programmen gefördert. «Das Thema Firmenkultur habe ich früher eher belächelt – heute weiss ich, wie zentral sie ist», so Matthias Wunderlin.
Mit dem Agro-Food-Job-Dating-Anlass zeigt der Schweizerische Verband der Hochschulabsolventinnen und -absolventen der Agrar- und Lebensmittelwissenschaften SVIAL, wie man potenzielle Fachkräfte rekrutieren kann. Die siebte Ausgabe des Formats verzeichnete einen neuen Besucherrekord, mehr teilnehmende Unternehmen und zahlreiche erfolgreiche Erstkontakte.
Ein Anlass, der mit dem Fachkräftemangel wächst
Die Zahlen sprechen für sich: Während 2023 noch etwas über 100 Studierende mit 21 Unternehmen ins Gespräch kamen, zählte der SVIAL dieses Jahr rund 220 Teilnehmende und 28 ausstellende Unternehmen. «Reichte die Kapazität in der Cuisine 2023 noch gut aus, wurde es im letzten Jahr bereits eng – deshalb sind wir dieses Jahr umgezogen, um der gestiegenen Resonanz gerecht zu werden», erklärt SVIAL-Geschäftsführer Johannes Burkard.
Das wachsende Interesse zeige die Relevanz des Formats – und die Dringlichkeit, mit der sich Unternehmen um Nachwuchs bemühen: «Dass wir dieses Jahr nicht genug Unternehmen respektive Stellen für alle Besucherinnen und Besucher bieten konnten, nehmen wir als Ansporn, unser Format im nächsten Jahr gezielt weiter auszubauen und noch mehr Karrieremöglichkeiten zu schaffen.»
Unternehmen suchen Nähe – und erhalten sie
Laut Johannes Burkard ist der Trend eindeutig: «Das Feedback der Unternehmen ist durchwegs positiv – der Wunsch nach physischen Formaten ist post-Covid ungebrochen.» Besonders geschätzt werde der ehrliche Austausch mit jungen Fachkräften – aber auch die Möglichkeit, sich unter Unternehmensvertreterinnen und Unternehmensvertreter zu vernetzen.
Der Erfolg zeigt sich auch ganz konkret: «Die klare Absicht, Fachkräfte direkt anzusprechen, führte zu konkreten Rekrutierungen vor Ort», so Johannes Burkard.
Ungezwungene Gespräche statt formelle Hürden
Der grosse Vorteil des Formats liegt für Johannes Burkard im Setting selbst. Anders als beim klassischen Bewerbungsgespräch steht hier der unkomplizierte Austausch im Vordergrund: «Der informelle Rahmen ermöglicht es den Unternehmen, potenzielle Fachkräfte in einem kollegialen Umfeld kennenzulernen.» Da die soziale Kompatibilität ein entscheidender Faktor für eine Anstellung sei, erleichtere der ungezwungene Austausch den gesamten Bewerbungsprozess und erhöhe die Wahrscheinlichkeit einer erfolgreichen Rekrutierung.
Für die Unternehmen bedeutet das effizientere Rekrutierungsprozesse, für die Studierenden niedrigere Hürden beim Erstkontakt. Schliesslich zeigt das Interesse deutlich: Die Agro-Food-Branche sucht den Austausch – und sie braucht ihn.
Wie Unternehmen junge Menschen ansprechen können, zeigte Yannick Blättler, Gründer der auf die Generation Z spezialisierten Beratungsfirma Neoviso AG. Sein Credo: «Employer Branding ist heute mindestens so wichtig wie Product Branding.»
Die Generation Z will mehr als einen sicheren Job – sie sucht Sinn, Entwicklung und psychologische Sicherheit. Jahresendgespräche? Überholt. Stattdessen brauchen junge Mitarbeitende regelmässiges Feedback, transparente Kommunikation und inspirierende Führung. «Wir wollen gesehen, geschätzt und gehört werden», brachte es eine Studentin der BFH-HAFL auf den Punkt.
Gleichzeitig betonte Yannick Blättler, dass diese Generation kein Luxusproblem sei: «Was die Gen Z will, wäre für alle ein Gewinn – flexiblere Arbeitsmodelle, offene Kommunikation und mehr Achtsamkeit für mentale Gesundheit.»
Um die Lücke zu schliessen, brauche es aber ein ganzes Set an Massnahmen, betonte Patrick Chuard-Keller. Neben einer besseren Vereinbarkeit von Familie und Beruf und der Förderung älterer Arbeitskräfte müssten die Menschen in der Schweiz «mehr und länger arbeiten können und wollen». Besonders wichtig bleibe die Berufsbildung, die gezielt auf den Bedarf des Arbeitsmarkts ausbildet.
Für die Land- und Ernährungswirtschaft heisst das konkret: Junge Talente früh ansprechen, Ausbildungswege sichtbar machen, Arbeitsplätze sinnstiftend gestalten – und den Wandel aktiv mitgestalten. Auch künstliche Intelligenz könne dabei helfen, Prozesse zu optimieren und neue Berufsbilder zu schaffen.
Ökonom Jens Südekum erinnerte zum Abschluss daran, dass technologische Veränderungen historisch nie zu Massenarbeitslosigkeit geführt hätten: «Neue Technologien schaffen neue Berufe – KI ist die beste Versicherung gegen Jobverluste.»
Der Fachkräftemangel ist kein kurzfristiges Problem, sondern Ausdruck eines tiefgreifenden Strukturwandels. Für die Schweizer Land- und Ernährungswirtschaft heisst das: Flexibler werden, offen kommunizieren, Ausbildung stärken – und zeigen, dass Arbeit in der Agro-Food-Branche nicht nur notwendig, sondern sinnstiftend ist.
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